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Schach in Brandenburg


(Quelle: Potsdamer neueste Nachrichten vom 10.02.2016)

Vorausschauen, ohne zu sehen
von Peter Könnicke

Mirko Eichstaedt ist einer der besten Schachspieler des Landes. Er spielt anders als viele andere.

Seit Magnus Carlsen können Interviews mit Schachspielern eine heikle Angelegenheit werden. Der amtierende Weltmeister aus Norwegen gilt als nicht sehr gesprächig, sodass Pressetermine für Reporter zur Qual werden können. Es sei denn, man ist so einfallsreich wie der "Spiegel"-Autor Erich Follath, der vor zwei Jahren dem damals 23-jährigen Großmeister eine Schachpartie anbot, um ihn gesprächig zu machen.
Um mit Mirko Eichstaedt über Schach zu reden, braucht es nicht viel. Eine Frage und es sprudelt aus dem 18-Jährigen heraus, sodass man ihn eher bremsen muss. Ohnehin sind der Norweger Carlsen und der Potsdamer Gymnasiast nicht zu vergleichen: Der Weltmeister spielt in seiner eigenen Liga; Experten meinen, kein Mensch dürfte das komplexe und strategische Spiel so durchdrungen haben wie Carlsen. Und er kann das Schachbrett und die Figuren sehen. Mirko Eichstaedt kann das fast nicht.

Er leidet an einer angeborenen Sehbehinderung, auf dem rechten Auge ist er blind, links hat er zehn Prozent Sehkraft. "Ich kann die Figuren und den Unterschied zwischen schwarz und weiß erkennen", sagt Mirko Eichstaedt. Bei Spielen sitzt ein Beobachter am Tisch, der jeden gemachten Zug ansagt. Im Blindenschach hat jeder Spieler sein eigenes Brett und sagt seinen Zug an. Der Kontrahent wiederholt diesen Zug und setzt die Figur auf dem eigenen Brett.
Doch glaubt sich Mirko Eichstaedt durch die Behinderung gar nicht so sehr im Nachteil. "Auch wer sehen kann, muss Züge und Stellungen im Voraus denken. Ich denke mir, dass Sehende beim Schach nicht mehr sehen als ich", meint er.

Mit seinen gerade mal 18 Jahren gehört der Michendorfer zu den besten Spielern Deutschlands im Schach der Blinden und Sehbehinderten. Im vergangenen Jahr wurde er Deutscher Meister im Blindenschach, Dritter bei der Jugend-Weltmeisterschaft und 26. bei den Europameisterschaften der Erwachsenen der internationale Organisation der Blinden und Sehbehinderten. Vor Kurzem wurde er als Potsdams bester Nachwuchssportler 2015 geehrt. Bei der Gala erzählte er, dass es sein Großvater war, der ihm als Vierjährigen das Schachspielen beibrachte. "Mein Opa konnte sich nicht mehr so gut bewegen und meinen Bewegungsdrang musste man hingegen stillen", erinnert er sich. Also suchten sie eine Beschäftigung, bei der sie gemeinsam Zeit verbringen konnten - und fanden Schach. Später, an seiner Grundschule in Wilhelmshorst, ging Mirko Eichstaedt einmal in der Woche zur Schach-AG, wo Kursleiter Rudi Triegel auffiel, dass der Junge richtig begabt ist und ihm empfahl, in einen Schachverein zu gehen. So kam er zur Schachabteilung des Universitätssportvereins Potsdam (USV), der direkten Nachfolgerin der 1859 gegründeten Potsdamer Schachgesellschaft. "Mir hat es gefallen, dass man für Schach keine körperlichen Voraussetzungen braucht", sagt Mirko Eichstaedt, "du musst nicht besonders kräftig oder schlank sein, aber du brauchst Logik." Deshalb mag er auch Mathematik, will das nach dem Abitur auch studieren. An Mathe-Olympiaden nehme er heute noch teil, weil die ein gutes Gedächtnistraining seien. Neben dem Training im Verein versucht Mirko Eichstaedt, sein Spiel durch Online-Schach zu verbessern, wobei er ständige neue Taktiken ausprobiert. Auch Fernschach spielt er, sechs Partien gleichzeitig - und das auf ziemlich altmodische Art, wenn auch seine Gegner blind oder sehbehindert sind: Sie sprechen ihren gemachten Zug auf eine Kassette und schicken sich diese wechselseitig mit der Post. Das dauert, doch ohnehin geht die Vorrunde der Deutsche Fernschachmeisterschaft über gut zwei Jahre, ehe die Endrunde beginnt, in der Mirko Eichstaedt aktuell steht.

"Blinde müssen sich im Kopf alles vorstellen und erfühlen. Vielleicht habe ich deshalb mehr Vorstellungskraft als andere", überlegt er. Jedenfalls kann er sich bei einer Schachpartie bis zu 15 Zügen im Voraus vorstellen, was passieren kann. Eine Denkleistung, die nicht viele können, schließlich ergeben sich aus einer Stellung unzählige Möglichkeiten für den nächsten Zug. Geht eine Partie zu Ende, kann Mirko Eichstaedt jeden gemachten Zug und jede Stellung wiederholen. "Bei den deutschen Meisterschaften habe ich davon profitiert, dass ich sieben von neun Partien, die ich vorher im Kopf geplant hatte, auch so aufs Brett gebracht habe", erzählt der Zwölftklässler des Leibniz-Gymnasiums. Um das zu schaffen, habe er zuvor die Taktik seiner Gegner studiert. "Das waren fünf bis sechs Stunden Vorbereitung auf eine Partie", sagt er. So gelinge es ihm, sich in die Position seines Gegners zu versetzen und vorauszudenken, welchen Zug dieser macht. Seine Stärke sei der Endkampf einer Partie, wenn der Kopf müde und das Denken immer schwieriger wird. "Dann versuche ich, meine Spiele durchzubringen", sagt Eichstaedt und verrät, was er gern macht, um Gegner zu zermürben: "Ich ziehe gern Nebenvarianten, mache Umwege." Das geht auch an die eigene Substanz: "Es gibt Partien, da habe ich danach überhaupt keinen Hunger und könnte nur schlafen", sagt er.

Eines der nächsten Ziele, das der 18-Jährige verfolgt, ist der Titel des FIDE-Meisters. Der Schachweltverband vergibt nach einem Wertungssystem Punkte, nach deren Anzahl Meister, Internationale Meister und Großmeister berufen werden. "Je mehr Punkte, desto geringer die Zahl der Gegner", sagt Eichstaedt. Für einen FIDE-Meister braucht es 2.300 Punkte. Ihm fehlen noch 100 Zähler, im vergangenen Jahr bekam er ungefähr 200 Punkte anerkannt. "Ich denke, dass es noch bis 2017 dauert", sagt er. Ganz sicher hat er dafür einen Plan im Kopf.

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